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Impuls zum 5. Fastensonntag -

 

 

von Pfarrer Jürgen Rieger

zu Joh 12,20-33 Das Weizenkorn

 

Jesus nimmt ein Beispiel aus dem täglichen Leben der Menschen damals. Wenn das Weizenkorn nicht weggegeben wird, wird nichts aus ihm. Würde man es ängstlich aufbewahren, damit nur ja nichts dran kommt, würde es allmählich verdorren. Man muss es weggeben in den Tod. Es muss vergehen, damit etwas Neues, etwas Großes daraus wird. Wenn wir es nicht wüssten oder wenn jemand das nie erlebt und nie davon gehört hat, wir würden es nicht für möglich halten, was aus diesem Korn entsteht. Was in die Erde gelegt wird, entfaltet sich zum Halm, zu einer Ähre mit zigfachen neuen Weizenkörnern.
Jesus gebraucht diesen Vergleich, um anzudeuten, was mit ihm geschehen wird. Er wird sterben, aber aus seinem toten Leib wird etwas Neues, etwas Unglaubliches entstehen: Er wird zu einem neuen, unzerstörbaren Leben auferstehen.

Was bedeutet das für uns? Es bedeutet unsere Schicksalsgemeinschaft mit Jesus. Wer auf seinen Tod hin getauft ist, schreibt Paulus, - und das sind wir -, der wird auf seine Auferstehung hin getauft (vgl. Röm 6,3-4.8). Wer Anteil an seinem ewigen Leben haben will, muss auch Anteil haben an seinem Tod.

Gibt uns diese Zusicherung Kraft und Zuversicht im Leid? Der Protest gegen das Leid ist unüberhörbar. Wie kann Gott das zulassen, wenn er der »liebe Gott« ist? Das Leid unschuldiger Menschen, das Leiden von Kindern, das Unglück der Armen? Wo ist Gott angesichts der schreienden Ungerechtigkeiten in der Welt, der Kriege, der Pan-demie, des Terrors, des Hungers von Millionen Menschen? Warum müssen immer wieder die Guten leiden? Warum geht es denen gut, die sich um Gott und Kirche nicht kümmern? Vielleicht bedrücken auch uns diese uralten Fragen der Menschheit. Die Frage nach dem Leid, nach dem Bösen in der Welt gehört zu den schwersten Prüfungen des Glaubens. Nicht wenige sind darüber an Gott irre geworden.
Viel Leid fügen die Menschen sich selber zu. Viel Leid könnte vermieden werden. Viel Leid könnte behoben werden. Aber es bleibt ein Rest, für den niemand verantwortlich gemacht werden kann: Naturkatastrophen, Krankheit, Sterben und Tod.

Als Christen wissen wir keine andere Antwort als den Blick auf Jesus Christus. In ihm gibt Gott die Antwort. Er gibt sie nicht in theoretischen Erörterungen. Er gibt sie im Leben, im Leiden und Sterben und in der Auferstehung Jesu Christi. In ihm ist Gott selber in das Leid der Menschen hinabgestiegen. In ihm solidarisiert er sich mit dem Leid der Menschen, dem Leid der Unschuldigen - er, der Unschuldigste von allen.

Hier ist die Antwort auf die Frage nach dem Warum des Leids zu suchen. Gott gibt sie, indem er sich in Jesus auf die Seite der Lei-denden stellt und den Lei¬densweg der Menschen mitgeht und ihn zur Auferstehung führt. Jesus kann seinen Leidensweg in der Gewissheit gehen, dass nicht das Leid das letzte Wort ist, sondern die Freude, nicht der Karfreitag, sondern Ostern. Beides gehört zusammen, was uns in den kommenden zwei Wochen so nachdrücklich vor Augen gestellt wird: Kreuz und Auferstehung. Wer auf das Kreuz schaut, schaut auf das verklärte Kreuz, das heißt: auf den, der durch sein Leiden und Sterben uns ewiges Leben erworben hat. Er sieht sein Leben vom Ziel her. Von dort her, vom Leben mit Jesus Christus fällt Licht auf die gegenwärtige Stunde des Leids.

Das Leid mag bestehen bleiben, doch wer sich an den Gekreuzigten hält, findet Kraft und Zuversicht auch in schwerstem Leid. Das sind freilich Gedanken, die dem Nichtglaubenden ärgerlich vorkommen, wie schon Paulus seinen Christen sagte. Für ihn aber und für Ungezählte andere waren und sind sie tiefer und echter Trost und Hoffnung.

Pfarrer Jürgen Rieger