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Eine Gemeinde steht auf - NACHTCAFE in Auferstehung Christi

 

Spricht man von Kirche, dann denkt man meistens an ältere Männer in schwarzen, roten oder weißen Gewändern, die mit bedeutungsvollen Gesichtern Bedenken zu irgendeiner Angelegenheit äußern oder wegen eines neuen Skandals ihre Betroffenheit ausdrücken.
Dass Kirche auch ein ganz anderes, frisches, modernes, aufgewecktes Gesicht hat, bewies das Nachtcafé in Auferstehung Christi. Angelehnt an das bekannte Fernsehformat diskutierten Junge und Alte, Männer und Frauen über die heißen Eisen in der katholischen Kirche. Und: Mit Klinikseelsorger Gerhard Huber war sogar ein Vertreter der sogenannten Amtskirche anwesend, der sich lebendig und kompetent in die Diskussion eingebracht hat. Unter der versierten Moderation von Georg Fröhlich, Religionslehrer und Gemeindemitglied in Auferstehung Christi, wurde kein Thema ausgelassen, das den Menschen unter den Nägeln brennt.
Besonders berührt hat die Zuhörer in der abendlich beleuchteten Kirche die Lebensgeschichte von Henry Frömmchen, ehemaliger Priesteramtskandidat der Erzdiözese München. Als bekennender homosexueller Christ hat er den „Fehler" begangen, nicht nur offen mit seiner sexuellen Orientierung umzugehen sondern ein Selfie von sich und einem aus dem Fernsehen bekannten ebenfalls homosexuellen Mann zu veröffentlichen. Grund genug für das Priesterseminar seiner Diözese, sich von ihm zu trennen. Er trug einige aufschlussreiche Argumente zur Diskussion bei, etwa eine Antwort auf die Frage, warum gerade das zölibatäre Priesteramt besonders auch homosexuell orientierte Männer anziehe - eigentlich kein Problem in der heutigen Gesellschaft, auf dem Hintergrund der offiziellen Stellungnahmen der Amtskirche zu Homosexualität allerdings schon. So wurde auch recht bald im Laufe des Abends ein Grundproblem der Kirche deutlich: Die Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Meinung, offiziellen kirchlichen Stellungnahmen und gelebter innerkirchlicher Realitäten, was „der" Kirche ihre Glaubwürdigkeit koste.
Wer gehofft hatte, dass Pfr. Gerhard Huber den erzkonservativen Kleriker geben würde, wurde eines besseren belehrt. Sehr persönlich berichtete er von seinem eigenen Werdegang, seiner Motivation, gerade in die Klinikseelsorge zu gehen und seiner persönlichen Spiritualität. Das zeichnete die Diskussion im Ganzen aus, dass weder er noch irgendwer sonst sich als Projektionsfläche für antiklerikale Aggressionen oder Kirchenbashing eignete, sondern der Abend geprägt war von einer tiefen Sehnsucht, Mitfühlen und Mitleiden mit der „alten Dame" katholische Kirche, auf der Suche nach einer gelebten und erfüllenden Zukunft eigentlich für das gesamte Christentum.
Biographischer Gegenpart zu den Vertretern der jungen Generation der Zwanziger war der über 90-jährige Manfred Weißer. Seit einigen Jahren leitet er in der Gemeinde einen Gesprächskreis zum Thema „Kirche aktuell" und ist wahrlich ein Urgestein der Gemeinde, die 1970 unter dem Eindruck des Aufbruchs und der Modernisierung gegründet worden ist. Sein Beitrag gipfelte in der unter spontanem Beifall gestellten Forderung, dass die Frauen in der Kirche eine weit größere und bedeutendere Rolle spielen müssen.
Untergliedert wurden die einzelnen Gesprächsabschnitte mit Einspielungen von Kurzinterviews mit Rottweiler Bürgern jeden Alters und jeder Couleur, die erfrischende Impulse zu dem Gespräch beitrugen. Umrahmt wurde der Abend von der bewährten Bigband SE IV, die bewies, dass Kirche auch musikalisch top modern sein kann.
Alles in allem war der Abend eine runde Sache, liebevoll und bis ins kleinste Detail durchdacht vorbereitet von Mitgliedern des Kirchengemeinderates, die als Ausschuss „Aggiornamento" eine ganze Reihe von Veranstaltungen ins Leben gerufen haben.

 

Nachtcafé 2021 (Foto: R. Zimmerer)